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Noch eine Notiz-App im Zeitalter der App-Schwemme

KI hat die Entwicklung einer App auf einen Tag verkürzt, und auch ich habe eine Notiz-App gebaut: wie ParkourNote vom Code-Werkzeug zum Reader wurde – und wie ich lernte, langsamer zu werden.

Sushi · 10 Min. LesezeitJetzt lesen ↓

Eines Abends kam ich nach Hause, öffnete WeChat und sah, dass Joe mir einen Artikel des Tech-Kanals APPSO geschickt hatte: „KI erschafft ein Zeitalter der App-Schwemme“. Es ging darin um den neuesten Newsletter von a16z: So Many Apps, So Little Time.

Joes Nachricht

Der Artikel zeigte einen Screenshot einer Suche nach „Vibe Coding“ auf Xiaohongshu. Die Ergebnisse waren durchweg Beiträge wie dieser:

Warum endet jedes per Vibe Coding gebaute Produkt als Tagebuch, Haushaltsbuch, Habit-Tracker oder Notiz-App?

So viel ich auch davon geredet hatte, ein Unternehmen zu gründen und auf eigene Faust Dinge zu bauen – als ich mir ansah, was ich tatsächlich gemacht hatte, kam auch ich nicht an Tagebüchern, Haushaltsbüchern und Notiz-Apps vorbei.

Ist ParkourNote, wenn man ehrlich ist, nicht auch bloß eine Notiz-App?

Der Bericht von a16z hält fest, dass sich die Zahl neuer Apps zwar vervielfacht hat, der Umsatz, den Software tatsächlich erwirtschaftet, sich aber kaum bewegt hat. Die meiste Software hat so gut wie keine Nutzer.

Es ist nicht so, dass der Kuchen gleich groß geblieben ist und die Gewinner alles bekommen. Es sind gar nicht erst neue Gewinner entstanden.

01Wie ParkourNote begann

ParkourNote ist gewissermaßen durch Zufall entstanden.

Ende August dieses Jahres stieg ich in das Forschungsprojekt eines guten Freundes ein.

Seine Daten und sein Code waren ein einziges Durcheinander. Ich fragte mich, ob ich etwas bauen könnte, das die verschiedenen Versionen von Daten und Code im Blick behält, und baute nebenbei per Vibe Coding ein kleines Produkt zusammen.

Das früheste ParkourNote: Daten und Code eines Forschungsprojekts als Graph aus Knoten dargestellt, rechts ein Chat, der einen Knoten erklärt

Das früheste ParkourNote: Jeder Knoten hat eine Beschreibung, Eingaben und Ausgaben, Code und Tests, und rechts bearbeitet ein Agent die Dokumentation und committet eine neue Version

Als ich fertig war, sagte mein Freund, es wäre toll, wenn man damit auch Paper lesen könnte.

Also fing ich an, einen Reader zu bauen.

Mit der Zeit merkte ich, dass der Teil zur Versionsverwaltung viel zu unausgereift war und ohnehin nicht viel nützte.

Der Reader dagegen könnte vielen Menschen nützen. Und er war etwas, das ich schon immer geliebt hatte und recht gut kannte.

In der Oberstufe habe ich mich mit aller Kraft für papierloses Lernen eingesetzt. Meine Lehrer waren gelassen genug, mich mit einem Tablet in die Schule kommen zu lassen, um darauf mitzuschreiben und zu lernen. Mein liebster Zeitvertreib war es, im App Store nach jeder Produktivitäts-App zu stöbern, die ich finden konnte.

Vor dem Studium habe ich eine Weile bei MarginNote gearbeitet, im Kundensupport und im Marketing. Dort habe ich Joe kennengelernt.

Vielleicht war eine Notiz-App etwas, das ich machen konnte.

Als ich dann tatsächlich anfing, erschütterte mich vor allem eines: Für so eine Software hätte ich früher Monate gebraucht. Jetzt schienen es nur Tage zu sein.

Und nicht einmal Tage in Vollzeit. Sondern Tage, an denen ich ein paar Prompts abschickte und dann zur Arbeit ging.

Allmählich packte mich eine gewisse Aufregung. So vieles, was vorher nicht ging, schien plötzlich möglich.

Davor hatte ich schon viel zu viele Projekte nach weniger als zwei Wochen aufgegeben. Also stellte ich mir diesmal eine einzige Regel auf: Egal was passiert, mach weiter.

Denk nicht an den Markt, denk nicht an die Aussichten, denk nicht darüber nach, ob das, was ich tue, irgendeinen Sinn hat.

Mach weiter.

02Ein Programmierer, verloren

Zurück in den Februar. Ich war über das Frühlingsfest auf Heimaturlaub.

Ich war erst ein paar Tage zu Hause, als Joe mir schrieb. Er hatte ein Produkt gebaut und fragte, ob ich es sehen wolle.

Wir telefonierten über Tencent Meeting, und Joe zeigte mir sein Tool zum Indexieren von Videos. Ich habe selbst ein wenig Videoschnitt gemacht und weiß, wie mühsam es ist, Rohmaterial zu verwalten. Joes Software machte die Verwaltung von lokalem Material leicht.

Ich fragte, wie lange er dafür gebraucht habe. Joe sagte: „Einen Tag.“

Nur wenige Tage zuvor hatte ich bei der Arbeit darüber nachgedacht, dass ich die KI nicht meinen gesamten Code übernehmen lassen sollte und dass ich wieder auf die altmodische Art programmieren sollte. Jetzt fragte ich mich, ob ich KI falsch benutzt hatte, ob ich zu vorsichtig gewesen war.

Also sagte ich mir, in der Sprache einer Silicon-Valley-Gründergeschichte, in der ich jahrelang mariniert hatte:

Ich baue die Bremsen aus und trete mit KI das Gaspedal durch.

Bevor ich nach Hause fuhr, hatte ich mir im Büro eine Reihe von Skills zum Erstellen von Foliensätzen gebaut, und ich fand, dass sie ziemlich gut funktionierten. Warum nicht eine App zum Erstellen von Folien daraus machen?

Nachdem ich mir großzügig zwei Claude-Max-Abos gegönnt und mehr als 200 Dollar OpenRouter-Guthaben verbrannt hatte, hatte ich eine KI-Pipeline gebaut, die alle möglichen Flussdiagramme erzeugen konnte.

Es war natürlich ein Haufen Mist und hatte nichts mit dem zu tun, was ich eigentlich hatte machen wollen.

Aber ich sah etwas Beängstigendes: Ich konnte ein Projekt bauen, ohne mir den Code überhaupt anzusehen.

Beängstigend war nicht nur, dass das, was ich konnte, plötzlich nichts mehr wert war.

Sondern dass ich nicht mehr wusste, was eigentlich wesentlich ist.

Wenn es nicht das Schreiben von Code ist, was dann? Ideen? Urteilsvermögen? Geschmack? Und was ist das überhaupt?

Ich konnte es nicht sagen.

Noch unruhiger machte mich mein Halbwissen in Wirtschaft: Wenn zehnmal so viele Menschen etwas können, ist die Fähigkeit nicht mehr viel wert.

Wird die Informatik von heute zu dem, was das Bauingenieurwesen heute ist?

In jenen Monaten konnte ich nicht aufhören.

Lange Zeit hatte ich zwei oder drei Claude-Abos gleichzeitig. Auf dem Höhepunkt liefen bei mir sechs Claude-Max-Konten. Ich gab mehr für KI aus als für die Miete.

Im Büro brachte mir das einen Spitznamen ein: „der Token-Kaiser“.

Neben der Arbeit baute ich eine App, die würfelte, wohin wir zum Mittagessen gehen, und eine App, die mir beim Lernen für den CFA helfen sollte.

An keiner arbeitete ich länger als zwei Wochen. Und natürlich wurde keine je fertig.

Ich war beschäftigt, aber ich wusste nicht, womit. Wann immer ich nach Hause kam, sahen meine Eltern mich mit gerunzelter Stirn über einen Laptop gebeugt. Wenn sie fragten, woran ich arbeitete, hatte ich nie eine Antwort.

Ich hatte das Gefühl, alles getan zu haben, und doch hatte ich nichts getan.

Ich erinnere mich, wie ich aus der Bürotür trat, ziellos weiterging und verschwommen über das Leben nachdachte. Jeder Mensch stirbt, und das Leben ist kurz. Was konnte ich eigentlich erschaffen?

03Leben lernen

Um diese Zeit fiel mir auf, dass ich mich immer wieder in die Küche zurückzog.

Das letzte Mal war das während des Studiums in Schweden passiert. Die Polarnächte waren kalt und trüb, und das Essen war noch hoffnungsloser. Ein Betreuer lud mich zu Kartoffeln ein, weil das traditional food sei. Ein anderer lud mich zum salzigsten Fisch ein, den ich je gegessen habe, ebenfalls traditional food. Seitdem kriege ich bei diesen Worten PTBS. Also fing ich an, für mich selbst zu kochen. Wenn ich Heimweh hatte, knetete ich Teig und faltete Teigtaschen.

Seitdem ist Kochen für mich ein Trost. Die Zukunft ist so ungewiss, aber die Küche ist gewiss. Als ich mich dort erst einmal auskannte, fand ich sie frei und verlässlich zugleich: Ein bisschen mehr oder weniger Gewürz verdirbt selten ein Gericht, aber mit genug Hitze und Zeit wird das Essen immer gar.

Ich fand, dass Kochen nützlich war. Es half gegen meine Unruhe.

Eine Freundin sagte mir, sie finde, ich solle mir ein Hobby suchen. Ich widersprach: Ich brauche keins, beim Spielen werde ich unruhig, die Zukunft ist zu ungewiss. Sie ignorierte mich, bestand auf Singen und stellte einer ganzen Gruppe aus unserem Freundeskreis eine Gesangslehrerin vor. Ich ging einmal hin. Es machte Spaß, und ich entdeckte, dass mein Hauptproblem ausgerechnet fehlendes Rhythmusgefühl war. Trotzdem konnte ich mich nicht aufraffen, wieder hinzugehen.

Vielleicht haben ihre Worte aber doch etwas bewirkt. Ich hatte mir zu Beginn meines Berufslebens eine Switch gekauft, aber kaum damit gespielt, und wenn doch, hatte ich ein schlechtes Gewissen. In einer Phase mit zu viel Arbeit hallte plötzlich „Ich brauche ein Hobby“ in meinem Kopf wider. Ehe ich mich versah, hatte ich Zelda gestartet, und ich spielte zwei Wochen lang.

Nach zwei Wochen hörte ich auf, ohne es auch nur durchzuspielen. Es machte natürlich Spaß. Ich hatte nur das Gefühl, schon verstanden zu haben, warum es Spaß macht und warum so viele Menschen es lieben.

Ein anderer Freund, der leidenschaftlich gern spielt, schleppte mich ständig zu einem Go-Club. Ich sagte mehrmals ab und ging schließlich doch hin.

Ich kann kein Go. Auf dem Heimweg kam ich mit einem anderen Anfänger ins Gespräch, der auch mitgekommen war. Wir fanden beide, dass das Spiel interessant war, aber keiner von uns verstand, warum man Zeit ins Üben und Studieren stecken sollte. Gegen die KI würde man am Ende ja doch nie gewinnen.

Später fragte ich den Freund, der mich mitgenommen hatte. Er sagte: „Weil du andere Leute schlagen kannst.“

Was für eine schlichte Antwort.

Vor Kurzem war ich mit einem Freund essen, den ich seit Jahren kenne, aber selten sehe. Nach einer Weile sagte er plötzlich: „Bei allem, was du tust, ist es, als würdest du die Rendite ausrechnen.“

Ich war ein wenig überrascht. So hatte ich mich nie gesehen. Ich hatte mich immer für weder berechnend noch materialistisch gehalten.

Aber es traf.

Ich kochte, um meine Unruhe zu lindern. Ich spielte Zelda, um herauszufinden, warum es Spaß macht, und hörte auf, als ich es wusste. Bei Go fragte ich als Erstes, warum ich es lernen sollte, wenn ich die KI ohnehin nie schlagen würde.

Sogar ein Hobby suchte ich mir nur, weil mir jemand gesagt hatte, dass ich eins brauche.

Später ging ich noch ein paarmal in den Go-Club.

Ich versuchte allmählich zu akzeptieren, dass ich einfach gern spiele und einfach gern lebe.

Seltsamerweise schien, sobald ich lockerer wurde, auch das Produkt besser voranzukommen.

Während der Arbeit an ParkourNote stellte ich mir eine Regel auf: Prompts schreibe ich nur in der kurzen Zeit nach dem Aufstehen am Morgen, und dann übergebe ich die Arbeit der KI. Die Abende gehören dem Kochen, dem Lesen und dem Vergnügen.

Ich breche diese Regel ständig. Aber beim Versuch, sie einzuhalten, begriff ich langsam, dass kein Problem heute Abend gelöst werden muss. Ich begann auch zu sehen, wie Durchhalten möglich sein könnte: Wenn ich jeden Tag ein Problem beheben kann, kann ich in einem Jahr 365 beheben.

Wenn ich mich pausenlos verausgabe, erzeuge ich vielleicht zehn Probleme am Tag.

Und gebe dann innerhalb von zwei Wochen auf.

04Ein gewöhnlicher Abend

Zurück zum Anfang: Ich schloss WeChat, setzte mich an meinen Computer und recherchierte in ParkourNote über Evernote. Ich habe eine Reihe begonnen, die genau untersucht, wie sich Software für persönliches Wissensmanagement in den vergangenen gut zwanzig Jahren entwickelt hat, und wollte mit Evernote anfangen. Aber Evernote ist keine Software, die ich gut kenne, und die Geschichte dahinter kannte ich nicht. Also bat ich ParkourNote, Material zu suchen, und begann zu lesen.

Recherche zu Evernote in ParkourNote: das englische Original und eine chinesische Übersetzung nebeneinander, rechts ein Chat, der das Material in einem Projekt sammelt

Ich las von Evernotes schwindelerregenden Finanzierungsrunden und davon, wie eine kleine, liebenswerte Notiz-Firma, die sogar Rucksäcke und T-Shirts verkaufte, Schritt für Schritt vom Risikokapital mitgerissen wurde, durch Entlassungen und einen Wechsel an der Spitze, bis sie schließlich verkauft wurde.

Ein kleines, liebenswertes Produkt, gedrängt, zu etwas heranzuwachsen, das es nie sein sollte.

Noch ganz benommen blickte ich zur Uhr. Es war nach zehn.

Ich war fassungslos. Es kam mir vor, als hätte ich lange nicht mehr so am Computer gesessen und gelesen.

Wenn ich Artikel auf dem Handy lese, schließe ich sie nach ein paarmal Wischen. Wenn ich eine Frage habe, werfe ich sie aus Gewohnheit der KI hin. Hin und wieder packt mich der Ehrgeiz, ich lade einen Stapel Paper und Lehrbücher herunter, ordne sie säuberlich ein und öffne sie dann nie wieder.

Wenn ich also daran glauben muss, dass es einen Sinn hat, ParkourNote zu bauen, dann könnte es vielleicht dieser sein:

Jetzt, da Antworten immer zum Greifen nah sind, brauchen wir vielleicht dennoch etwas Zeit, um still am Computer zu sitzen, zu lesen und nachzudenken.

Jetzt, da ein Produkt im Schnitt an einem Tag entsteht, brauchen wir vielleicht einige Produkte, die bereit sind, langsam gebaut und langsam verändert zu werden. Ob man durchhält, zeigt sich erst mit der Zeit, aber langsamer werden können wir sofort.

Der Bericht, den ich am Anfang erwähnt habe, sagt, dass das Zeitalter der App-Schwemme überhaupt keine neuen Gewinner hervorgebracht hat. Nachdem ich Evernotes Geschichte gelesen habe, finde ich das weniger beängstigend: Evernote war einmal ein Gewinner und konnte sich trotzdem nicht selbst bewahren. ParkourNote wird wahrscheinlich kein Gewinner. Dann eben nicht. Ich baue es langsam.

Wenn auch du einen Stapel Paper hast, die du heruntergeladen, geordnet und nie wieder geöffnet hast, probier gern ParkourNote aus: https://note.parkourlabs.io/?ref=CBRCAXH7. Es ist noch recht roh, und ich bessere jeden Morgen ein kleines Stück nach. Erzähl mir von Problemen, auf die du stößt, oder von Funktionen, die du dir wünschst. Ich schreibe sie auf und behebe sie nach und nach.

Als Nächstes schreibe ich eine Reihe über zwanzig Jahre Software für persönliches Wissensmanagement, beginnend mit Evernote. Wenn du sie lesen möchtest, folge mir oder abonniere den RSS-Feed des Blogs.

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